Tel.: +380 044 227 41 01
+380 099 918 20 99

Boomender Markt, aber weiterhin Unsicherheit in der Ukraine

Freitag, 26.08 2011

Die Ukraine hat stark während der Krise gelitten. Der Landtechnikmarkt ist 2009 auf ein Drittel des Vorjahres geschrumpft. Zahlreiche Maschinen, die 2008 geliefert wurden, standen unverkauft bei den Händlern. Neben einer hohen Kreditklemme, fehlender staatlicher Förderung hat auch der andauernde Wahlkampf zur Instabilität und einer zögernden Investitionshaltung der landwirtschaftlichen Betriebe beigetragen. 2010 verbesserte sich die Lage auf dem Markt leicht. Die großen Investitionen gingen nur von einigen wenigen Großbetrieben, sog. Agrarholdings aus. Viele Händler konnten ihre hohen Lagerbestände abbauen. Insgesamt stieg der Absatz von Landtechnik in der Ukraine im vergangenen Jahr um 40 %, blieb aber damit deutlich unter der Boomperiode 2006 – 2008. Die ukrainischen Landwirte konnten aufgrund der eingeführten Quoten nicht von den weltweit gestiegenen Preisen für landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Getreide und Ölsaaten profitieren, denn die Preise im Inland sind nur moderat gestiegen. Erst im 2. Quartal, nachdem die Quoten durch Exportzölle ersetzt wurden, schnellten die Preise weiter nach oben.

Der Absatz von Landtechnik in der Ukraine im 1. Halbjahr 2011 hat aber selbst die positivsten Prognosen übertroffen. Nach ersten Schätzungen verdoppelte sich der Absatz von Traktoren und Landmaschinen. Während die inländische Produktion mit ungefähr 60% stieg, explodierten die Importe beinahe. Ukrainische Hersteller spielen grundsätzlich eine eher untergeordnete Rolle. Der Selbstversorgungsgrad mit Landtechnik liegt je nach Segment zwischen 20% bei Traktoren und 40% bei den einzelnen Anbaugeräten und Ausrüstung für die Innenwirtschaft. Die Mähdrescher, die für rund ein Drittel des Gesamtmarktes stehen, werden fast komplett importiert. Unter den Herkunftsländern der Importe steht Deutschland an erster Stelle gefolgt von USA und Belarus. Die deutschen Exporte in die Ukraine legten im ersten Halbjahr 2011 um 135% zu. Stark nachgefragt werden Mähdrescher, Sä- und Bodenbearbeitungstechnik, Melkanlagen und die Ausrüstung für die Innenwirtschaft.

Welche Gründe gibt es für diesen Höhenflug? Nun, zum einen ist nach den Wahlen im vergangenen Jahr eine gewisse politische Stabilität zurückgekehrt. Die Partei der Regionen, die von vielen Oligarchen unterstützt wird, ist an die Macht gekommen und wird sie nicht so schnell wieder abgeben. Die großen landwirtschaftlichen Betriebe gehören teilweise eben diesen Oligarchen oder haben sich mit den Politikern arrangiert. Die meisten der getätigten Investitionen stammen auch eben von großen Betrieben und Agrarholdings. Für sie ist die Kreditklemme weitgehend gelöst. Einige davon haben sich durch den Gang an die Börse das nötige Geld für Investitionen verschafft, die anderen finanzkräftige Investoren als Anteilseigner in ihre Reihen aufgenommen. Bezeichnend für die Gruppe ist, dass die Investitionen fast ausschließlich in die modernste westliche Technik erfolgen. Die gebrauchten Maschinen, die noch im vergangenen Jahr rund die Hälfte der Importe ausmachten, kommen für die großen landwirtschaftlichen Betriebe und Agrarholdings nicht in Frage. Die großen Betriebe verfügen mittlerweile nicht nur über die modernste Technik, Saatgut usw., sondern besitzen gutes Know-how, was ihnen zu hohen Erträgen verhilft. Trotz mäßiger Witterungsverhältnisse (Trockenheit im Frühjahr und starke Regenfälle im Frühsommer) wird eine überdurchschnittliche Getreide- und Ölsaatenernte in diesem Jahr erwartet. Nach Schätzungen der Experten bewirtschaften die großen Betriebe und Agrarholdings mittlerweile über 30% des ukrainischen Ackerbaus mit einer steigenden Tendenz.

Die anderen 70% stehen den mittelgroßen Betrieben, die auch teilweise 10.000 Ha. erreichen, sowie kleineren Existenz- und Semiexistenzfarmwirtschaften zur Verfügung. Diese Betriebe kommen immer stärker unter Druck. Für die mittelgroßen Betriebe ist die Kreditklemme noch lange nicht gelöst, so dass sie meistens nicht viel investieren können. Für die Aussaat, Pflanzenschutz- und Düngermittel nehmen sie kurzfristige und sehr teuere Kredite auf. Sie akzeptieren in der Regel schlechtere Ankaufspreise für ihre Erzeugnisse, da sie kaum Lagerkapazitäten haben und die vorhandenen Kredite schnell tilgen müssen. Sie können nicht selbständig ihre Erzeugnisse exportieren und profitieren auch nicht von der Veredelung oder einer eigenen Lebensmittelherstellung wie die großen Betriebe. Gleichzeitig sind sie von höheren Kosten für die Treibstoffe, Dünger- und Pflanzenschutzmittel konfrontiert. Die kleineren Farmwirtschaften sind in einer noch schlimmeren Lage. Sie können die Kosten für die Produktion nicht mehr stemmen, ihre Technik ist veraltert, an die Kredite kommen sie nicht ran. So decken sie ihren eigenen Bedarf an Lebensmitteln ab, sehen aber keine Perspektive in der Zukunft.

Somit beschränkten sich die Investitionen aktuell auf rund ein Drittel der vorhandenen Ackerbaufläche in der Ukraine. Auch wenn die Experten annehmen, dass große Betriebe und Agrarholdings weiter wachsen, wird diese Entwicklung noch viele Jahre dauern. Weitere Ungewissheit bringt die fehlende Bodenreform mit sich. Das Moratorium auf den freien Landverkauf ist nach wie vor in Kraft. Selbst wenn die Reform 2012 – 2013 kommt, wird dieser Prozess alles andere als transparent ablaufen. Die Gefahr ist, dass potenzielle ausländische Investoren ferngehalten werden bzw. überhöhte Preise bezahlen müssen, um an das Agrarland zu kommen. Die ukrainischen Oligarchen dagegen werden aus Spekulationszwecken das Land horten, ohne es zu bewirtschaften.

Für eine gedämpfte Euphorie auf dem Landtechnikmarkt sorgt auch der aktuelle Vorstoß der ukrainischen Regierung, die internationalen Hersteller zu einer Produktion bzw. Montage vor Ort zu bewegen. Selbst bei einer weiteren positiven Marktentwicklung ist der Markt noch nicht groß genug für eine wirtschaftliche Produktion oder Montage. Es gibt kaum qualitative Zulieferer vor Ort. Ausgebildetes Personal ist kaum mehr vorhanden. Anders als in Russland gibt es keine nationalen Förderprogramme, die den Landwirten (vor allem den mittelgroßen und kleineren Betrieben) den Zugang zur modernen Technik ermöglichen. So ist der aktuelle Höhenflug mehr auf den Nachholbedarf der großen Betriebe und Agrarholdings zurückzuführen. Ukraine ist weit davon entfernt, das vorhandene Potential zumindest annäherungsweise abzuschöpfen.

 |  Diskutieren Sie dieses und andere Themen in unserem landwirtschaftlichen Forum.

 

Schlagworte: , , , , , , , ,

 

Ähnliche Artikel: