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Mittwoch, 01.06 2011
Im Krisenjahr 2009 ist der russische Landtechnikmarkt um 40% geschrumpft. Gleichzeitig fielen die Importe, die bis dahin rund 60% des Marktes ausgemacht haben, um etwa 70% zurück. Der Verband der russischen Landtechnik-Industrie Rosagromash konnte sich in der Politik Gehör verschaffen und hat einige Gesetzesinitiativen auf den Weg gebracht. Anfang 2009 wurden mehrere Maßnahmen zur Beschränkung des Marktzugangs ausländischer Hersteller ergriffen. Die Einfuhrzölle für selbstfahrende Erntemaschinen (Mähdrescher und Feldhäcksler) stiegen von 5% auf 15% bzw. mindestens €120 je kW Motorleistung. Ursprünglich war die Erhöhung der Einfuhrzölle als „vorübergehende Maßnahme“ geplant. Nach einer Verlängerung um weitere neun Monate im vergangenen Jahr wurde die Verordnung im August 2010 in ein entsprechendes Gesetz aufgenommen und gilt uneingeschränkt weiter. Eine weitere Maßnahme war das Verbot von zinssubventionierten Förderdarlehen für Landwirte, die außerhalb der Russischen Föderation hergestellte Landmaschinen erwarben. Letztes Jahr konnten Landwirte für Investitionen in Maschinen „Made in Russia“ eine 80%ige Vergütung des Zinssatzes erhalten, während gleichzeitig die führenden inländischen Banken Rosselkhozbank, Sberbank, VTB usw. von der russischen Regierung angewiesen wurden, keine Darlehen für Investitionen in importierte Landmaschinen zu gewähren. Niedrige Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, gestiegene Importbarrieren und eine breite Kreditklemme waren die Gründe für einen dramatischen Rückgang der Importe in 2009 und zu Beginn 2010
Eine Verbesserung der Situation war bereits in der zweiten Hälfte 2010 festzustellen. Seit Anfang Sommer 2010 ist auf dem russischen Landtechnikmarkt eine Erholung spürbar. Die Lage der Landwirtschaft hat sich gegenüber dem Vorjahr deutlich gebessert. Der Rohstoffsektor hat an Fahrt gewonnen und ermöglicht den Investoren, ihre Überschüsse auch in die Landwirtschaft zu investieren. Während der Preisanstieg für Getreide und Ölsaaten im Inland mit 30-40% im Vergleich zu Weltmarktpreisen eher moderat ausfällt, gab es einen kräftigen Preisanstieg bei Zuckerrüben, Kartoffeln und Milch. Die Kreditklemme löst sich allmählich. Auch für importierte Landmaschinen sind wieder Darlehen (wenn auch in der Regel keine Förderdarlehen) erhältlich. Als wichtigste russische Bank für den Landwirtschaftssektor hat die Rosselkhozbank ihre Finanzierungstätigkeit sogar ausgeweitet. Der Standardmarktzinssatz von 17% bis 19% für auf Rubel lautende Darlehen kann als recht hoch erachtet werden. Berücksichtigt man jedoch die Inflationsrate, die 9% bis 11% beträgt, so erscheint der angebotene Darlehenszinssatz angemessen. Der russische Markt für die moderne Landtechnik wuchs 2010 um ca. 20%. Dabei ist ein klarer Trend zugunsten der modernen westlichen Technik festzustellen, die sowohl importiert als auch vor Ort produziert wird. Die deutschen Exporte nach Russland sind 2010 sogar um 39% gestiegen und lagen gegen Jahresende bei 370 Mio. Euro liegen.
Insgesamt hat sich das Investitionsklima stark verbessert. Eine Ausnahme bildete im vergangenen Jahr noch der Getreidesektor, der die Landwirtschaft in Russland immer noch prägt. Russland hat infolge massiver Getreideüberschüsse aus den vergangenen Jahren den Anbau reduziert. Zudem hat die starke Dürre in vielen Regionen des Landes über 20 Mio. Tonnen Getreide landesweit vernichtet. Im August 2010 wurde seitens der russischen Regierung ein Exportverbot für Getreide verhängt und bleibt noch bis 30. September 2011 in Kraft.
Einerseits witterungsbedingt, aber auch politisch motiviert vollzieht sich langsam eine stärkere landwirtschaftliche Diversifizierung im Land mit dem Ziel, die Abhängigkeit Russlands von Fleisch-, Milch-, Zucker- und Gemüseimporten zu verringern. Mit Ausnahme der Kartoffelproduktion, die dürrebedingt geschrumpft ist, gab es in allen diesen Bereichen ein Wachstum. Während die Fleisch- und Milchproduktion aufgrund eines längeren Investitionszyklus erst langsam steigt, wuchs die Zuckerproduktion mit über 20% doch signifikant. Dabei ist das Land weit von einer Selbstversorgung mit Zucker entfernt.
Der russische Markt lag im vergangenen Jahr auf einem vergleichbaren Niveau wie im Jahre 2006. Bekanntlich hat sich der russische Markt in den Jahren 2005-2008 verdoppelt, für Importtechnik sogar verdreifacht. Stehen wir wieder am Anfang einer neuen Rallye, in der der russische Markt jährlich um 40-50 % zulegt?
Das Potential in der russischen Landwirtschaft ist nach wie vor immens. Die Preise für die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnisse liegen auf einem für die Investoren attraktiven Niveau. Die stark eingeschränkten Investitionen der letzten 2 Jahren haben dazu geführt, dass der Bedarf nach Landtechnik sogar weiter gestiegen ist. In einer Umfrage geben erst 32% der Landwirte an, dass ihr Maschinenpark den aktuellen Bedarf abdeckt. Nicht zu vergessen ist, dass die Beanspruchung der Maschinen in Russland um ein vielfaches höher als in den relativ gesättigten westeuropäischen Märkten ist. Infolgedessen brauchen die Maschinen eine intensivere Wartung und müssen in der Regel schneller ersetzt werden.
In diesem Jahr gehen die Umsatzerwartungen der meisten westeuropäischen und russischen Unternehmen von einem Wachstum von 30-40% aus. In einigen Bereichen wie z.B. einzelne Segmente der Bodenbearbeitungs-, Sä- und Grünfuttertechnik soll der Markt sogar um 60-70% wachsen. Etwas moderater wird das Wachstum in den Segmenten Traktoren und Mähdrescher ausfallen. Hier spielen die Importe eine immer kleinere Rolle, da die internationalen Konzerne eigene Produktionsstandorte aufgebaut haben. Hervorragende Perspektiven bietet der russische Markt auch für die Komponentenhersteller und Zulieferer. Das betrifft sowohl den After-Sales-Market, der aufgrund des höheren Maschinenbestandes wächst, als auch die Zusammenarbeit mit den OEMs, die den Lokalisierungsgrad künftig steigern müssen, um weiterhin die Subventionsprogramme wie z.B. zinsvergünstigte Kredite nutzen zu können. Die russische Regierung arbeitet an einer Verordnung, die einen bestimmten Lokalisierungsgrad vorschreibt, der den Zugang zu Förderprogrammen ermöglicht. Auch wenn sich der russische Markt sehr dynamisch entwickelt, bleibt der Einfluss der Politik hoch und kann schnell zu einem Markteinbruch führen. Diese politisch bedingte Komponente muss man immer beachten. Gerade erst recht, wenn die Präsidentenwahl im Frühjahr 2012 ansteht.
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Schlagworte: Russland, Vdma
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